Im Vorfeld der Konferenz von Annapolis ist wieder einmal von den heiligen Orten die Rede. Dabei wird immer gerne betont, dass der Tempelberg in Jerusalem der drittheiligste Ort des Islam ist. Dazu wird dann natürlich auch gerne die muslimische Bezeichnung „Haram al-Scharif“ verwendet, um den muslimischen Anspruch per Namensgebung zu verdeutlichen. Das geschieht natürlich unabhängig von der
Glaubwürdigkeit der Behauptung und dem Umgang der Muslime mit dem Ort im Lauf der Geschichte.
Im Gegensatz dazu ist vom „heiligsten Ort des Judentums“ weniger oft die Rede. Vor allem wird dann gerne die „Klagemauer“ (Kotel/Westmauer/Tempelbergmauer) als heiligster Ort der Juden genannt. Diese Bezeichnung ist aber nicht nur falsch, sie führt auch in die Irre.
Die Westmauer ist ein kleiner Teil der Stützmauer eines Plateaus mit der die heiligste Stätte der Juden eingefasst war, der Tempelberg und die Stelle des Allerheiligsten im Tempel.
Man kann vielen Menschen sicherlich zu Gute halten, dass sie diese Unterscheidung nicht böswillig machen, viel eher aus Bequemlichkeit und weil man die Juden an der Mauer so intensiv beten sieht:

Wenn man aber den Hasmonäer-Tunnel besucht, dann kann man sehen, dass es viele „Hardcore-Orthodoxe“ lieber dort beten, weil man sich dort näher am Allerheiligsten befindet. Das sehen auch viele so, die ihre Notizen mit Gebetsanliegen lieber hier in die Mauerritzen stecken als an der Mauer unter freiem Himmel.

Aber der Glaube, dass die Mauer die heiligste Stätte der Juden ist, führt auch dazu, dass an eine einfachere Lösung der Teilung Jerusalems zwischen Israel und den Palästinensern geglaubt wird, bei der der Tempelberg (das Plateau) den Muslimen und die Mauer den Juden überlassen wird. Diese „einfache“ Lösung zu vertreten verhindert, dass über verschiedenes nachgedacht wird.
Wird zugegeben, dass der ganze Tempelberg den Juden heilig ist, als Ganzes ihre heiligste Stätte weltweit, dann müsste man sich fragen, warum der Felsendom absichtlich auf dem heiligsten Ort der Juden gebaut wurde. Man müsste anfangen Fragen darüber zustellen, ob der Koran Jerusalem erwähnt (tut er nicht ein einziges Mal) oder ob Mohammed je auf seinem geflügelten Pferd dorthin flog. Man könnte beginnen Analogien zwischen der islamischen Zerstörung von Buddha-Statuen, Hindu-Tempeln und jüdischer heiliger Stätten (bspw. dem Josephgrab in der „Westbank“) zu sehen.
Man könnte sogar anfangen sich zu fragen, warum der Felsendom, wenn er doch eine so bedeutende muslimsche heilige Stätte ist, bis in die 1920-er Jahre hinein eine ziemliche Ruine war
Nein, es ist weniger mühsam vorzugeben, dass die „Klagemauer“ der heiligste Ort des Judentums ist und dass die Juden keine religiösen Ansprüche auf den Tempelberg haben. Dass selbst Israelfreunde dieses Missverständnis pflegen, macht es den Gegnern Israels leichter Ansprüche der Araber durchzusetzen, die Israel schaden.