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Bürokratie ist reformierbar

Zweifellos ein Irrtum – schreibt Andreas Malessa in seinem „Kleinen Lexikon religiöser Irrtümer“ und stellt sofort die Frage hinterher, was das in diesem Lexikon zu suchen hat. Ist das nicht ein politischer, ein logistischer, ein kultureller Irrtum? Und dann geht’s richtig los. Ist lang, aber Wasser auf meine Mühlen (Hervorhebungen durch mich):

Sehen Sie: Kaum ist das Wort „Bürokratie“ gefallen, geht es um Zuständigkeiten. Statt um Inhalte. Ein waschechter Beamter fragt ja nicht, „wie“ ist ein Problem zu lösen, sondern „wem“ kann ich es weiterreichen?!

Bürokratie dehnt sich genauso unaufhaltsam aus wie das Universum: 1960 gab es 1,3 Millionen Bauern und 2.500 Bundesbeamte waren für sie zuständig. 1980 gab es noch 500.000 Bauern, aber schon 4.400 für sie zuständige Beamte. Und während in Brüssel hochdotierte EU-Normierer den genehmigten Krümmungsgrad einer Gurke oder die „Vorschriften zur Vereinheitlichung europäischer Traktorsitze“ festlegen (es sind 40 Vorschriften), müssen wir in diesem Buch zerknirscht zugeben, dass auch und gerade die Kirchenverwaltungen „reformierbar“ wohl nur in dem Sinn ihrer weiteren Aufblähung sind. Wer die Worte „Kirche“ und „Parkinson“ hört, denkt an die Schüttellähmung des greisen Johannes Paul II. Doch nicht der englische Mediziner J. Parkinson (1755-1824), sondern der englische Historiker Cyril Parkinson (1909-1993) erklärt uns, wovon Staat und Kirche befallen sind: Setzt man die Zahl der Mitarbeiter, ihr Dienstalter und ihre Besoldung, ihren Anspruch auf Beförderung, ihre geleisteten Arbeitsstunden und die betriebsinternen Verwaltungsstrukturen und –abläufe in Relation zur tatsächlich erledigten Arbeit, ergibt sich – mathematisch zwingend – eine jährliche Wachstumsrate der Bürokratie zwischen 5,17% und 6,5%. Jährlich! „Die Vervielfältigung von Problemen durch die Einstellung weiterer Beamter“ nannte Mr. Parkinson das. Just als voluminöse Federbetten aus der Mode kamen und junge Paare in den ersten Ikea-Häusern ihre (Baumwoll-, Kamelhaar- oder Satin-) Decken orderten, wurde beispielsweise die „Bundesprüfstelle für Bettfedern“ eingerichtet: Am 26. September 1974!

Die erste Bundeskanzlerin in der deutschen Geschichte widmete Jahre später der „Entlastung der Bürger und der Wirtschaft von Bürokratiekosten“ ein eigenes Kapitel im Koalitionsvertrag ihrer schwarzroten Regierung. Mündlich versprochen hatte das auch schon ihr Vorgänger Gerhard Schröder, aber seit 1999 wurden 122 Gesetze und 178 Verordnungen mehr erlassen als abgeschafft.

Kaum reformierbar ist das stete Verkomplizieren des Lebens durch die Erfindung neuer Formulare und Formularausstellungsstellen u.a. deshalb, weil die Kontrollorgane – Rechnungshöfe und „Revisionsabteilungen“ – ja selbst staatliche oder kirchliche Einrichtungen sind. Und weil Bürokraten ein feines Gespür für Planstellenerhalt haben: Nachdem England am 3. Dezember 1800 eine schwere Niederlage gegen Napoleon hinnehmen musste, wurde die Stelle eines Wachpostens auf den Klippen von Dover geschaffen. Der Mann sollte mit Hilfe eines Fernrohrs nach französischen Schiffen Ausschau halten und gegebenenfalls die Sturmglocke läuten. Diese Planstelle wurde 1945 gestrichen. heplev: Das ist sie wenigstens!

Beruft sich jedoch ein bauernschlauer Bürger (und Bayer) auf allzu Vergangenes, ist die Bürokratie gänzlich im Hier und Jetzt angekommen: Ein Fabrikant weigerte sich, den Kirchensteueranteil des Lohns seiner Arbeiter einzubehalten und ans Finanzamt abzuführen (eine zeitraubende Verwaltungsarbeit, die die Kirche an den Staat und der Staat and ie Unternehmer weitergereicht hat – siehe oben). Der Grund für diesen Steuerboykott: Eine der Ur-Ur-Ur-Großmütter des Arbeitgebers sei 1664 gefoltert und als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Einer „in der Vergangenheit kriminell tätigen Organisation“ wollte er nun keinen „aufgezwungenen Inkassodienst leisten“, argumentierte der Fabrikant.

Das Finanzgericht München erklärte sich am 21.8.1989 unter dem Aktenzeichen 13 K 2047/89 für nicht zuständig (siehe oben), weil “die Vorfahrin des Klägers nicht von der Kirche, sondern von der weltlichen Justiz eines Teilstaates des damaligen ‚Heiligen Römischen Reiches’ gefoltert und verbrannt worden“ war und formulierte: „Weder die römisch-katholische noch die evangelische Kirche sind kriminelle Vereinigungen.“

Ein klares Wort. Nun gut. Aber ist dann der Freistaat Bayern eine? Nein. Denn: „Weder der Freistaat Bayern noch die Bundesrepublik Deutschland sind unmittelbare Rechtsnachfolger jener damaligen staatlichen Institutionen, die das Urteil gegen die Vorfahrin des Klägers ausgesprochen und gefällt haben.“ Also: Her mit der Kirchensteuer. Und zwar von Dir errechnet und überwiesen!

Das klingt plausibel. Nur: Wenn es um den Besitz von Burgen, Schlössern, Kirchen, Kunstschätzen und Ländereien aus just jener Zeit geht, sind der Freistaat Bayern und die Kirchen gern “unmittelbarer Rechtsnachfolger”, oder?

Lieben wir sie nicht alle, die Bürokratie?

24.8.07 22:34
 



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